DIES UND DAS VON HIER UND ANDERSWO

NOTIZBUCH

Gedanken sind nicht stets parat, man schreibt auch, wenn man keine hat. Wilhelm Busch
Gedanken sind nicht stets parat, man schreibt
auch, wenn man keine hat. Wilhelm Busch
KUNSTKRITIK

Bündner Kunst im Tiefschlaf

| | Category:

»Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.«

Der Andrang ist gross, das Foyer zu klein. Wer pünktlich zur Vernissage der Bündner Jahresausstellung kommt, muss vor der Glastüre warten. Ist letztlich aber egal, denn man verpasst kaum etwas bei diesem Stelldichein der Belanglosigkeit.

Eine Stunde später kommt man dann endlich hinein in den nicht mal zehnjährigen Neubau, der offensichtlich den Anforderungen schon jetzt nicht mehr genügt. Ist man einmal drin, fragt man sich, wozu. Das Publikum ist leider weder attraktiv noch interessant. Eine Mischung aus beschaulichem Seniorenausflug und Tag der offenen Türe an einer Fachhochschule. Aber deswegen ist man ja nicht hier, es geht um die Kunst. Also zwei Stockwerke hinunter in die, wie sich schon bald zeigen wird, in jeder Beziehung unterirdische Ausstellung. Nicht mal eine Viertelstunde später hat man das Sammelsurium der Ideenlosigkeit gesehen. »à table!« sei das Thema gewesen. – Die etwas seltsame Idee, eine Ausstellung unter ein Thema zu stellen, spricht ja auch schon Bände. – Was präsentiert wird, dokumentiert über weite Strecken vielleicht auch einfach die Ratlosigkeit der Künstler und Künstlerinnen. Das Ganze verstömt den abgestanden-biederen Charme eines Flohmarkts: Staubiges Geschirr und abgedroschene Ideen, wohin man auch schaut. Vieles erinnert an richtige Kunst. Vieles erinnert an früher. Das hat man doch alles vor vierzig, fünfzig Jahren schon gesehen, und zwar in richtig gut. Von Miriam Cahn oder Joseph Beuys. Und jetzt tingelt es halt auch noch in die retardierte Provinz und ist so authentisch wie eine Coverband aus einem Bergdorf. Nein, das ist nicht The Real Deal. Aber das macht ja nichts, solange es niemand merkt.

Irgendwelches Zeugs auf dem Boden drapieren, ein paar monochrome Platten an die Wand nageln, Trouvaillen zusammenschrauben. Das scheint wieder einmal zu genügen. Jeder Dachbodenfund wird hier zur Installation. Duchamp würde sich im Grab umdrehen. Diesen zu Objekten hochstilisieren Ramsch begleiten dann die immergleichen blauen Cyanotypien, analogen Fotografien und unverständlichen, langweiligen Schwarzweiss-Videos. Auch das gabs doch alles schon in neuer und in besser. In viel besser.

Immerhin, ein Künstler ist 2025 angekommen. Er ist jung, das Werk unscheinbar, aber die Idee ist aktuell und gut umgesetzt: ein Raspberry Pi, also eine kleine Platine füttert einen ePaper-Screen mit live generierten KI-Bildern. Nice! Man muss also nicht analog fotografieren, eine hässliche Brille tragen oder einen Psychiatrieaufenthalt im Curriculum haben, um ein Künstler oder eine Künstlerin zu sein.

Oben zeigt man Daniel Spoerri. Passend zum Thema der Jahresausstellung. Didaktisch verzahnt. Wie raffiniert! Den Kunstpreis bekommt dann irgend ein sympathischer Typ vom Land. Ich sehe lediglich eine Installation, die als solche allerding nicht viel hermacht. Es könnte auch das Resultat einer Projektwoche mit Realschülern oder Schreinerlehrlingen sein. Ist ja egal. Heute gehts ja sowieso kaum noch ums Objekt, geschweige denn um den Prozess. Nein, zentral ist nur noch das Narrativ. Und das wird dann natürlich ausführlich beschrieben. Nach dem selben Schema wie wie immer: Dummes Gewäsch, kompliziert formuliert. Und ständig geht es um irgendwelche globalen Zusammenhänge und um gesellschaftliche Veränderungen.

Seine Arbeiten offenbaren jenseits ihrer formalen Qualitäten immer auch inhaltliche Ankerpunkte, die gesellschaftliche Themen reflektieren. Seh- und Hörerfahrung treten in einen wechselseitigen Dialog, in dem sich Wahrnehmung, mediale Realität und ihre Inszenierung ineinander vermischen. Damit schliesst er an aktuelle Diskussionen an, inwiefern unterschiedliche Wahrnehmungen gesellschaftliche Debatten unserer Zeit prägen: Wie kommen unsere Vorstellungen von Wahrheit zustande? Mit welchen Mitteln kann unsere Vorstellung davon sogar gelenkt werden? In der Installation verwebt er ein historisches Beispiel mit der Gegenwart. Damit schafft er eine Verbindung zwischen lokalen Beobachtungen und globalen Entwicklungen.

Was für ein blöder Nonsens! Wechselseitiger Dialog, ja genau! Ausstellungs-Fazit des Kunstpädagogen: Die Neuen kopieren die Alten, das ist leider ziemlich langweilig. Die Arrivierten kopieren sich inzwischen selbst, das ist auch nicht viel besser, eigentlich fast noch langweiliger. Die Jahresausstellung war wieder einmal vor allem eins: A complete waste of time.

Texte | Hardy Hemmi