• Rolf Schmid «Echt jetzt?»
    DIES UND DAS VON HIER UND ANDERSWO
    TEXTE & NOTIZEN

Bündner Kunst im Tiefschlaf

| |

»Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten.«

Der Andrang ist gross, das Foyer zu klein. Wer pünktlich zur Eröffnung der Vernissage der Bündner Jahresausstellung kommt, muss vor der Glastüre warten. Macht aber nichts, denn man verpasst kaum etwas bei diesem Stelldichein der Belanglosigkeit.

Eine Stunde später kommt man dann endlich hinein in den nicht mal zehnjährigen Neubau, der offensichtlich den Anforderungen schon jetzt nicht mehr genügt. Ist man einmel drin, fragt man sich, wozu. Das Publikum ist leider weder attraktiv noch interessant. Eine Mischung aus Seniorenausflug und Tag der offenen Türe an einer Fachhochschule. Aber deswegen ist man ja nicht hier, es geht um die Kunst. Also zwei Stockwerke hinunter in die, in jeder Beziehung unterirdische Ausstellung. Nicht mal eine Viertelstunde später hat man das Sammelsurium der Ideenlosigkeit gesehen. »à table!« sei das Thema gewesen. – Die etwas seltsame Idee, eine Ausstellung unter ein Thema zu stellen, spricht ja auch schon Bände. – Was präsentiert wird, ist über weite Strecken vielleicht auch einfach die Ratlosigkeit der Künstler und Künstlerinnen. Uns so präsentiert sich das Ganze etwa so spannend wie die Auslage in einem Brockenhaus: Staubiges Geschirr und abgestandene Ideen, wohin man auch schaut. Vieles erinnert an richtige Kunst. Vieles erinnert an früher. Das hat man doch alles vor vierzig, fünfzig Jahren schon gesehen, und zwar in richtig gut. Von Miriam Cahn oder Joseph Beuys. Und jetzt kommt es halt auch noch in die retardierte Provinz und ist so authentisch wie die Coverband aus einem Bergdorf. Nein, das ist nicht The Real Deal. Macht ja nichts, solange es niemand merkt.

Irgendwelches Zeugs auf dem Boden drapieren, ein paar Platten an die Wand nageln, Trouvaillen zusammenschrauben. Jeder Dachbodenfund wird zur Installation. Duchamp würde sich im Grab umdrehen. Zu diesen Objekten dann die immergleichen blauen Cyanotypien, analogen Fotografien und unverständlichen, langweiligen Schwarzweiss-Videos. Auch das gabs doch alles schon in besser. In viel besser.

Immerhin, ein Künstler ist 2025 angekommen. Der Künstler ist jung, das Werk ziemlich unscheinbar, aber die Idee ist aktuell und gut umgesetzt: ein Raspberry Pi, also eine kleine Platine füttert einen ePaper-Screen mit live generierten KI-Bildern. Nice! Man muss also nicht analog fotografieren, Holzschnitte machen, monochrome Serien aufhängen, die Haare rot färben oder einen Psychiatrieaufenthalt im Curriculum haben, um ein Künstler oder eine Künstlerin zu sein.

Oben zeigt man Daniel Spoerri. Passend zum Thema der Jahresausstellung. Didaktisch verzahnt. Wie raffiniert! Den Kunstpreis bekommt dann irgend ein sympathischer Typ vom Land. Ich sehe lediglich eine Installation, die als solche allerding nicht viel hermacht. Es könnte auch das Resultat einer Projektwoche mit Realschülern oder Schreinerlehrlingen sein. Ist ja egal. Heute gehts ja sowieso kaum noch ums Objekt oder den Prozess, sondern nur noch ums Narrativ. Und das wird dann natürlich ausführlich beschrieben. So wie immer: Dummes Gewäsch, kompliziert formuliert. Und immer geht es irgendwie um globale Zusammenhänge und um gesellschaftliche Veränderungen.

Seine Arbeiten offenbaren jenseits ihrer formalen Qualitäten immer auch inhaltliche Ankerpunkte, die gesellschaftliche Themen reflektieren. Seh- und Hörerfahrung treten in einen wechselseitigen Dialog, in dem sich Wahrnehmung, mediale Realität und ihre Inszenierung ineinander vermischen. Damit schliesst er an aktuelle Diskussionen an, inwiefern unterschiedliche Wahrnehmungen gesellschaftliche Debatten unserer Zeit prägen: Wie kommen unsere Vorstellungen von Wahrheit zustande? Mit welchen Mitteln kann unsere Vorstellung davon sogar gelenkt werden? In der Installation verwebt er ein historisches Beispiel mit der Gegenwart. Damit schafft er eine Verbindung zwischen lokalen Beobachtungen und globalen Entwicklungen.

Was für ein blöder Nonsens! Wechselseitiger Dialog, ja genau! Ausstellungs-Fazit des Kunstpädagogen: Die Neuen kopieren die Alten, das ist leider ziemlich langweilig. Die Arrivierten kopieren sich inzwischen selbst, das ist fast noch langweiliger. Die Jahresausstellung war wieder einmal vor allem eins: A complete waste of time.

©2026 Hardy Hemmi | mail@hardyhemmi.ch

Texte | Hardy Hemmi